Vienenburg wuchs mit der Eisenbahn


Am 10. August 1840 erfolgte mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Vienenburg nach Neustadt-Harzburg (seit 1892 Bad Harzburg) die Inbetriebnahme des Vienenburger Bahnhofs. Dieser Streckenabschnitt war Teil der von der Herzoglich Braunschweigischen Staatsbahn geplanten Verbindung von Braunschweig nach Harzburg, die 1841 vollständig in Betrieb ging. Durch den Bau weiterer Eisenbahnstrecken, wie in den folgenden Jahren (nach Goslar 1866, nach Halberstadt 1869, nach Grauhof 1875) entwickelte sich Vienenburg zu einem Verkehrsknotenpunkt. Dieser Umstand begünstigte die rasche Industrialisierung des kleinen Ortes, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ein rein landwirtschaftlich geprägtes Dorf war. Der im Folgenden wiedergegebene Artikel aus dem  1942 erschienenen "Heimatbuch der Stadt Vienenburg" erzählt von dieser Entwicklung. Soweit bekannt, wurden einige enthaltene Fehler bei den Jahreszahlen korrigiert.


 

Vienenburg wuchs mit der Eisenbahn

Vienenburg bestand ursprünglich wohl bis zu den Jahren um 1800 herum, nur aus dem Oberdorf mit der damaligen Königlich-Hannoverschen Domäne, „Das Amt“ genannt. Zu diesem Amte gehörte die sogenannte Amtsfreiheit: Die Straßen „Hinter den Teichen“, die „Muckeburg“ und „Unter dem Amte“; diese Straßen führen heute noch diese Bezeichnung. 

Bei der Generalteilung wurde dann in den 1830er bis 1840er Jahren diese Amtsfreiheit aufgehoben. Da damals noch keine katholische Kirche in Vienenburg war, wurde der katholische Gottesdienst in dem Nordflügel des Amtes abgehalten, bis 1829 die katholische Kirche auf dem Kattenberge erbaut wurde. Alle Anwohner der Amtsfreiheit waren verpflichtet, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen, konnten aber mit dem schulpflichtigen Alter, die Kinder in ihrer Religion erziehen lassen. Nicht zu vergessen ist hier der Edelhof, eine Besitzung des Freiherrn von König, die heute noch Inhaber dieses Hofes sind. Ebenfalls bestand der nördliche Teil des Oberdorfes; die heutige Breite Straße, Hohe Weg, Hirtenstraße, Schulstraße, An der Clus und Hohlweg; auch die Pulvermühle an der Straße nach Osterwieck gelegen, stand in hoher Blüte. Auch die Häuser Im Winkel mit der Alten Apotheke, den Freiherren von König gehörig, bestanden. 

1826 wurde Vienenburg Sitz einer lutherischen Superintendantur. Im Jahr 1840, als die Bahn nach Harzburg gebaut wurde - der heutige Bahnhof war damals ein Ackerhof und das Zügle fuhr von Pferden nach Harzburg gezogen und fuhr von Harzburg ohne Lokomotive zurück - hatte Vienenburg mit dem zum Amte gehörenden Vorwerk Wennerode und dem Weißen Ross 1224 Einwohner (876 Protestanten und 348 Katholiken) und 143 Wohngebäude. 

Die benachbarte Klostergutsgemeinde Wöltingerode zählte 1845 233 Einwohner, davon 97 Protestanten und 136 Katholiken bei 20 Wohnhäusern. In Wöltingerode war bis zum Jahr 1887 das Landratsamt und Amtsgericht, dann wurden beide Ämter nach Goslar verlegt. Im Jahre 1929, ein Jahr vor der Bergwerkskatastrophe am Harliberg, auf die wir noch zurückkommen, wurde Wöltingerode Vienenburg einverleibt. 

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahn nach Bad Harzburg nahm der Aufstieg Vienenburgs seinen Anfang. 

Bis zum Jahr 1850 stand auf der Kaiserstraße an der östlichen Seite außer dem kleinen alten Schulgebäude noch kein einziges Haus. Auf der westlichen Seite waren 3 Häuser vorhanden. Ganz am Ende der Straße, an der Kreuzung nach Wiedelah und Halberstadt, war Heines Schmiede und an der Straße nach Goslar und der Ecke der jetzigen Bahnhofstraße war der Schlagbaum „Multhaupts Gasthof“ und zugleich Posthalterei. Die Post ist dann noch in verschiedenen anderen Gebäuden gewesen. Das ganze Gelände der heutigen Kam-p und Moltkestraße hieß Landwehrskamp und war Weide und Ackerland. Jenseits der Bahnlinie nach Harzburg war 1850 ein einziges Haus vorhanden; das jetzige Weibgensche Grundstück. Als dann im Jahr 1866 die Bahn von Vienenburg nach Goslar in Betrieb gesetzt wurde, das Sägewerk von Neidhart erbaut und die Merck´sche Guano- und Phosphatfabrik in Betrieb kam, 1869 die Bahnstrecke nach Halberstadt gebaut wurde, entstand jenseit der Bahn ein Dorfteil für sich. 

Im Jahre 1875 wurde dann die Bahn nach Hildesheim über Grauhof gebaut. 1870 wurde die Heiler sche Düngerfabrik jetziges Lager und Kiesgrundstück der Firma A. Sievers & Co. gebaut. Der Schiffgraben, die heutige Straße gleichen Namens, war ursprünglich als schiffbarer Kanal gedacht, um die Güter des Sägewerkes und der Fabriken zu fördern. Infolge des starken Gefälles - die Schleusung der Wasserstraßen war damals noch schlecht - konnte dieses Projekt nicht ausgeführt werden. Durch den Bau der Zuckerfabrik im Jahr 1881, der Apotheke um 1888 und der Post 1891, die von den Bauern Kerll errichtet wurde, begann eine planmäßige Bebauung der Kaiserstraße und des östlichen Teils des Landwehrschen Kampes. Die Kaiserstraße entwickelte sich in jenen Jahren langsam zur Geschäftsstraße Vienenburgs. Das Leben zog sich immer stärker in die unteren Teile des Ortes, die ja durch den Bahnhofsverkehr bevorzugt waren. 

Ganz rapide wuchs Vienenburg dann durch die Niederteufung des Kalischachtes „Hercynia“ im Jahre 1884, so daß Vienenburg schon 1890 278 Häuser mit 3033 Einwohnern und ungefähr 650 Haushaltungen zählte. Der im ganzen Reiche zunehmende Bahnverkehr und die Niederteufung des zweiten Schachtes der Gewerkschaft Hercynia in den Jahr 1894 bis 1897 ließen Vienenburg zu einem Bahnknotenpunkt werden. In den 90er Jahren entwickelte sich auch die jetzt noch bestehende Firma A. Sievers & Co. zu einem blühenden und in ganz Mitteldeutschland führenden Unternehmen im Kalischachtbau. In diese Jahre fällt auch Erbauung der Malzfabrik. All diese Unternehmungen hatten zur Folge, daß Vienenburg einen Aufstieg nahm wie kein anderer Ort im Kreise Goslar, so daß es seit 1899 hauptamtlich verwaltet wurde. Der erste hauptamtliche Gemeindevorsteher war Major Siegener. Die Zementfabrik wurde im Jahr 1912 erbaut und im gleichen Jahre in Betrieb gesetzt. 

Bis zum ersten Weltkriege bewegte sich die Entwicklung Vienenburgs immer in aufsteigender Linie. 

Die Nachkriegsjahre mit ihren wirtschaftlichen Folgeerscheinungen setzten dem Aufstiegs Vienenburg ein jähes Ende, das durch das Bergwerksunglück - Ersaufen der Kalischächte am 8. Mai 1930 - zur Katastrophe wurde. 

Wer heute in Vienenburg lebt, wird sich kaum vorstellen können, dass unser herrlich gelegener Ort mit fast 5000 Einwohnern, 600 Wohnhäusern und 1400 Haushaltungen vor noch nicht 100 Jahren nur 1224 Einwohner hatte, und daß dort, wo heute moderne Verkehrsstraßen sind, Weide und Ackerland waren. Die heutige lutherische Volksschule wurde im Jahr 1904 erbaut und 1908 erweitert. Die Wasserleitung, von Gut Radau kommend, wurde 1908 erbaut.


Quellen:

Hohnbaum (Hrsg.), Heimatbuch der Stadt Vienenburg, Vienenburg 1942

Müller, Geschichte der Stadt Vienburg - Band 1-4


 

© Joachim Fricke 2024