Der Mariastollen am Achensee in Tirol


 

Die Gründungsgeschichte des Klosters Wilten reicht bis in die sagenhafte Vorzeit zurück, da im Gefolge Dietrichs von Bern, der von Italien kommend über Seefeld zog, ein reckenhafter Ritter namens Haymon sich befand, der mit einem Riesen namens Thyrus in Streit geriet, welcher in der Gegend von Seefeld hauste. Im Zweikampf fiel Thyrus, sein Blut färbte das Gestein. Das muss um das Jahr 800 n. Chr. gewesen sein. Später fanden Hirten am Lagerfeuer, dass das Gestein ein braunes Öl von sich gab, dass sie auf ihre Wunden strichen und dessen Heilkraft sie bald kennenlernten.

Aus: Hradil: Die Ölschiefer Tirols

 

Mundloch des Mariastollen (2007)


Ölschiefer ist ein toniges und mergeliges Sedimentgestein von grauer bis schwarzer Farbe. Es kann bis zu 20% Kerogen (eine Vorstufe von Erdöl) enthalten. Diese Kerogene haben sich unter Sauerstoffabschluss aus Plankton, Algen und Bakterien gebildet. Häufig finden sich aber auch größer Fossilien in dem Gestein.

In Tirol gibt es abbauwürdige Ölschiefervorkommen bei Seefeld, Kirchbichl, Häring und im Bächental nahe dem Achensee.

Die älteste Erwähnung einer Gewinnung des sogenannten Steinöls stammt aus dem Jahr 1350. Steinöl fand in erster Linie zur Herstellung von Heilmitteln und Kosmetik Verwendung.

Schon 1862 wurde nahe Pertisau am Achensee ein Schurf auf "Steinkohle" angemeldet. Höchstwahrscheinlich wurde das dunkle Ölschiefergestein mit Kohle verwechselt.

Bald nach der Jahrhundertwende entdeckte der Holzbauer und passionierte Mineraliensammler Martin Albrecht (1876-1945) am Achensee eine Ölschieferlagerstätte. 1902 schlug er einen Stollen an, den er zu Ehren seiner Ehefrau "Mariastollen" nannte. Dieser liegt ca. 130 m über dem Achensee. In Stollennähe erbaute Albrecht auch die erste Ölschwelerei, wo mittels sogenannter "Passauer Tiegel" das Öl aus dem Gestein destilliert wurde.

Passauer Tiegel

Der Abbau im Mariastollen erwies sich jedoch nicht als sehr ergiebig und so war es ein großes Glück, dass Albrecht 1908 im benachbarten Bächental eine wesentlich größere Lagerstätte fand und sich die Rechte daran sicherte.

Über 15 Jahre erfolgte der mühsame Abbau im Mariastollen, als am 21. April 1917 eine Staublawine das Bergwerk und die Schwelerei zerstörten.

Ein Wiederaufwältigen erschien sinnlos, da die Lagerstätte im Bächental wesentlich ergiebiger war. Dort war mittlerweile ein großer Abbaubetrieb mit eigener Schwelerei entstanden, der bis heute im Familienbesitz steht.

Fast 65 Jahre geriet der Mariastollen in Vergessenheit, als die Nachfahren von Martin Albrecht 1983 beschlossen, den Stollen wieder aufzuwältigen und ein Besucherbergwerk einzurichten. Bei den Arbeiten fand man noch altes Bergbaugerät aus der Abbauzeit, das in die Ausstellung integriert wurden.

Martin Albrecht 

(1876 - 1945)

Die Lage des Stollens wie auch die ständig erhöhten Sicherheitsanforderungen führten 2002 zur Schließung des Besucherbergwerks. Seit diesem Zeitpunkt verirren sich nur wenige Wanderer zu der Anlage.

Ansichtskarte (Sammlung: J. Fricke)

Im Jahr 2003 eröffnete der Familienbetrieb Tiroler Steinölwerke Albrecht GmbH & Co. KG in Pertisau das Erlebniszentrum Vitalberg mit Museum, Café und Shop, in dem viele Kosmetikprodukte aus Steinöl angeboten werden.

Der Autor möchte sich ganz herzlich bei der Firma Albrecht bedanken, die eine Gesteinsprobe zur Verfügung stellten.


 

Die folgenden Aufnahmen entstanden im August 2007.

Stollenmundloch des "Mariastollen" mit nachgebildeten Passauer Tiegeln

Tafel über dem Stollenmundloch

Blick in den Mariastollen

Grubenwagen vor dem Stollen

Blick vom Mariastollen zum Achensee


Quellen:

Hradil: Die Ölschiefer Tirols, Innsbruck 1949

Kuntscher: Höhlen, Bergwerke, Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Berwang 1986

100 Jahre - Die Steinölbrenner vom Bächental am Achensee, Pertisau 2005 (2. Auflage)

https://www.steinoel.at


 

© Joachim Fricke 2021